Früher war einfach alles besser … oder doch nicht?

Letztens in der Bücherei. Oh mei, was soll ich sagen? Das ist schon etwas ganz Besonderes. Zusammen mit lieben Freunden in seiner Lieblingsbücherei zu sitzen und ihnen was vorzulesen. Und wenn ich ihnen dann auch noch mit meiner unvergleichlichen, lieblichen Stimme eine richtige Freude machen kann. Das ist einfach ein unbezahlbar schönes Gefühl, sag ich Ihnen! 

Na gut, meinen Schwiegervater hat’s wohl weniger gefallen. Er hat mir vorgeworfen, meine „Lesung“ wäre stimmlagig vergleichbar mit einer Amsel, die zuvor mit Reißnägeln gegurgelt hätte. Charmant wie eh und je, unser Opa Xaver. Aber, was soll´s! Der alte Grantler soll froh sein, dass wir ihn überhaupt überall mit hinnehmen. Beziehungsweise, dass ich ihm was vorlese, denn sehen tut der ja sowieso kaum noch was, und ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher, ob er überhaupt lesen kann.
Am besten ich ärgere ihn gleich mal ein wenig:
„Und Opa … gfoit’s da?“
„Was? Dein Gestammel?“
„Also, den anderen macht’s Spaß, gell?“

„Spinnst du? Die hören dir doch nur zu, damit a Ruah is. Mit Sicherheit würden sie jetzt viel lieber was ganz anderes tun. Ich zum Beispiel bin früher um die Zeit immer zum Tanzen. Aber so was kennt’s ihr jungen Leit ja nicht mehr. Euer Leben ist ja so was von langweilig …!“
„Tanzen können wir allemal. Letztens waren wir erst im Bad Kötztinger Dinner. Das war toll. Stimmt’s Harry?“
„Ja, eh klar. Da ham ma ganz schön aufzundn!“
„Und die Gäste dort haben uns alle bewundert!“
„Euch bewundert? Dass ich nicht lache. Ihr könnt doch nicht tanzen. Ehrlich gesagt, traue ich euch nicht einmal Freestyle zu!“
„Opa – jetz bin i baff. Du kannst ja englisch?!“
„Da staunst du, was? Jetzt weißt du wenigstens, wie es mir gegangen ist, als ich festgestellt habe, dass du lesen kannst!“
Zum Glück kam mir nun Doris zur Hilfe.
„Jetzt lassen Sie doch Rosa mal in Ruhe. Mit Sicherheit liest sie besser, als Sie jemals getanzt haben!“
„Na gut, ihr habt es so gewollt. Fahrt mit mir nach Wackersdorf, dann zeig ich euch eine Tanzgruppe, die tanzen kann. Damals genauso gut, wie heute. Da könnt ihr euch eine gehörige Scheibe abschneiden. Ihr Möchtegern-Rumhopser!“
„Seit wann weißt du denn, wo Wackersdorf liegt?“
„Seit es die Boggie Rabbits gibt! Diese Tanzgruppe ist meiner Meinung nach das Beste, was es weit und breit hier gibt. Und genau das Richtige, um euch zu beweisen, wie schlecht ihr seid!“

Na ja, was soll ich sagen? Das haben wir natürlich nicht auf uns sitzen lassen können. Noch am selben Tag haben wir den Opa samt seinen Rollator ins Auto gepfercht und haben uns auf den Weg gemacht.

Als wir nach kurzer Fahrt im Wackersdorfer Mehrgenerationenhaus ankamen, mussten wir eigentlich nur noch der Musik folgen. Bereits in den langen Gängen des Gebäudes ertönte Fats Domino. Bei den Klängen zu seinem Song Boggie Woggie Baby betraten wir letztendlich wenig später auch den Tanzsaal.

Die Boggie Rabbits rockten gerade turnierverdächtig die Tanzfläche und wir staunten nicht schlecht. Schnell war klar, dass wir vielleicht doch, ein ganz klein wenig, den Mund zu voll genommen hatten. Plötzlich hatte Opa Xaver einen unheimlich bereiten Gesichtsausdruck und seine Beine zucken rhythmisch zur Musik.

Energisch schubste er seinen Rollator von sich, riss sich sein Trachtenjacket vom Leib und tauschte seinen Trachtenhut durch ein abgewetztes Kunstleder Biker Mützerl – a lá Village People.

Fassungslos starrten wir ihn an, als er sich pfeilgerade auf die Tanzfläche zubewegte und sich mit schwingenden Hüften siegessicher auf eine attraktive Tänzerin in rotgepunktetem Kleid zubewegte.

Sie können sich sicher vorstellen, wie baff ich über seine Wundergenesung war. Immerhin war er mir bisher nur als Arthrose geplagter, alter Grantler bekannt. So ein hinterfotziger, boshafter alter Mann. Das hat ein Nachspiel. Ich schwör’s!

Vor lauter Aufregung hatten Doris und ich gar nicht bemerkt, wie sich „mein“ Harry ebenfalls auf die Tanzfläche gewagt hatte. Voller Inbrunst mimte er, vor einer ebenfalls in Rot gekleideten Dame, seinen unwiderstehlichen Elvis Hüftschwung und kam damit anscheinend auch noch bei ihr an.

Doris und mir standen unsere Münder offen. Entsetzt sahen wir zu, wie Harry und Opa Xaver einen auf Dirty Dancing machten. Wenn mich jetzt einer gefragt hätte, was ich hier mache, hätte ich wohl so etwas ähnlich Geistreiches wie in einer dieser Filmszenen gestammelt. Auch, wenn Opa Xavers Aktion mich ärgerte, brachte mich Harrys Auftritt echt in Rage. Als Doris mich dann auch noch fragte, wie lange ich mir sein Verhalten noch gefallen lassen wolle, ging ich in Kampfstellung über und bahnte mir gemeinsam mit ihr einen Weg durch die tanzwütige Menge.

Getarnt durch einige Freestyle-Verrenkungen, konnten wir uns den beiden unbemerkt nähern. Mittlerweile tanzten sie engumschlungen zu einem gefühlvollem Blues und schienen ihre Außenwelt gar nicht mehr mitzubekommen.

Doch bevor ich die beiden mit brachialer Gewalt auseinanderreißen konnte, brach Opa Xaver unerwartet auf der Tanzfläche zusammen.

Dann ging alles ganz schnell. Panik brach aus und Hilfeschreie vom am Boden liegenden Opa bahnten sich anscheinend auch bis zu meinem turtelnden Freund Harry durch. Schnell eilte er mir zwar dann zur Hilfe, doch so einfach wollte ich es ihm nun auch wieder nicht machen. Daher tat ich das, was ich am besten kann: Ich bockte. Währenddessen versuchte Doris unermüdlich, zwischen uns zu vermitteln. Erst, als ich bemerkte, dass ich wohl doch Harrys Hilfe dringend benötigte, um den Alten wieder in Augenhöhe zu hieven, willigte ich ein.

Unter tosendem Applaus von den Boggie Rabbits geleiteten wir unseren, vom verletzten Stolz gebrochenen Opa zurück zu unserem Wagen und brachten ihn nur mit vereinten Kräften auf die Rücksitzbank.

Als Opa Xaver uns schließlich bei der Heimfahrt fragte: „Seid ehrlich – war früher nicht alles viel besser?“, antworteten Doris und ich synchron: „Für euch Männer vielleicht!“

Später, zu Hause, als Doris sich von mir verabschiedete, schmiedeten wir noch einen Plan. Gleich morgen werden wir uns ein rotes Petticoat Kleid kaufen und dann werden wir einen Anfängerkurs bei den Rabbits absolvieren – allerdings ohne Männer.

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